Auf den ersten Blick kann man in dem Kleinen Kaufladen eine Art “Trödel-Privat-Ebay” sehen, auf dem zweiten merkt man schnell dass sich dahinter viel Mühe um Details, Leidenschaft und ein liebevolles Händchen verbergen muss, das man bei Power Sellern nicht findet.
Melanie Höhse verkauft nicht nur alten “Plunder”, sondern arbeitet ihn auch wieder auf, rearrangiert und kombiniert ihn mit selbstgemachten, so daß auf ganz bezaubernde Weise etwas neues entsteht. Sustainability at its best!

Hallo Melanie!
Worum geht es denn bei deinem Projekt? Wie bist Du auf die Idee gekommen, alte Sachen aufzuarbeiten, teilweise mit neuem, sowie viel selbstgemachtem zu kombinieren und sie anschliessend über das Internet zu verkaufen?
Im Grunde fing alles in meiner Kindheit an. Mein Vater besaß damals ein Antiquitätengeschäft und direkt gegenüber hatte meine Mutter ein kleines Puppengeschäft in dem sie größtenteils alte Puppen und antike Teddybären repariert hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern dass ich als Kind ständig einen muffigen Geruch in der Nase hatte, eine Mischung aus Mottenkugeln und altem Holz.
Inmitten dieser alten und mir damals so kostbar erscheinenden Schätze gab es immer viel zu entdecken.
Buy Handmade!
Meine Liebe zu alten Dingen habe ich demnach von meinen Eltern. Sie waren schon immer kreativ und gute Verwerter. Ich kann mich nicht daran erinnern dass wir damals anderorts eingekauft hätten. Durch die Haushaltsauflösungen meines Vaters hatten wir immer alles gleich zu Hause was wir benötigten. Das ist heute auch noch so, vieles in meiner Wohnung sind alte Dinge mit eigenen Erinnerungen – wenn auch materiell nicht wertvoll – und das versuche ich in meinem Shop zu transportieren. Da ich nicht ganz so viele Stunden dafür aufbringen kann, richtet sich die Größe des Sortiments nach meiner freien Zeit. Mittlerweile habe ich bis auf eine Reproduktion von alten Stofftieren die ich günstig erworben konnte, nur alte Produkte im Sortiment und als neuwertig gekennzeichnet, wenn die Qualität dem entspricht.

Vieles der handgearbeiteten Dinge stammt von meiner Mutter. Durch das Internet hatte ich viele Denkanstöße, wie z.B. zuletzt durch die “Buyhandmade-Aktion” auf deren Seite genau erklärt wird warum es eine Bereicherung, nicht nur für sich selbst sein kann, mehr handgefertigte Produkte zu erwerben. Mir gefällt die Idee ganz gut dass man bereits existierendes weiternutzt oder verwertet und damit vielleicht auch etwas bescheidener leben kann – was nicht gleichzeitig bedeutet dass sich die “Lebensqualität” dadurch vermindert.
Würdest Du die Gründung deines Stores eher als Bauchentscheidung bezeichnen oder bist Du an das Projekt im kaufmännischen oder im philosphischem Sinne durchdachter herangegangen?
Nein, im kaufmännischen Sinne auf keinen Fall! Das Ganze sehe anders aus, wenn der Shop mein Haupterwerb wäre. Dann könnte ich mehr Zeit investieren. Das Sortiment ausbauen. Da dies in dem Maße nicht mein Ziel sein kann, besitze ich nicht immer die freie Zeit um über Zielgruppen oder werbetechnische Strategien nachzudenken – nicht in dem Umfang in dem es ein Kaufmann täte.
Philosophisch klingt gut, aber da müsste ich lügen. Bauchentscheidung trifft es! Zunächst war die Idee, geprägt durch meine Eltern und den bereits vorhandenen Mitteln und dann entwickelten sich eigene Gedanken zur Umsetzung und Verbreitung. Ich versuche auf jeden Fall ein Stück meiner eigenen Lebensweise mit einfließen zu lassen und viel zu beobachten. Dazu gehören dann eben auch eigene Vorlieben, Neigungen und die Art und Weise wie man selber konsumiert.
The 5R’s
Ich achte darauf ob ich bestimmte Dinge überhaupt unbedingt benötige, bevor ich sie anschaffe. Wenn ich Päckchen packe schaue ich z.B. danach Material zu nehmen dass ich vorher regelmäßig horte, um es wiederzuverwenden. Dazu gehören dann alte Kartons, Füllmaterial, Papier. Momentan organisiere und plane ich eine Verkaufsausstellung mitsamt Eröffnungsparty in einem befreundetem Frisörsalon, dort werden dann auch sehr viele alte Waren zu erwerben sein, die jahrelang in Kartons munter vor sich hergestaubt haben. Auch hier versuche ich mit den gegebenen Mitteln zu arbeiten. Wahrscheinlich weil sich mein eigenes Konsumverhalten in den letzten Jahren selbst gewandelt hat, ist es mir wichtig geworden nicht unnötig zu verschwenden. Ich mache mir mehr Gedanken darum was ich kaufe, wenn ich es kaufe und gegebenfalls auch wo ich es einkaufe.
Jetzt bin ich aber überrascht - im positivem Sinne. Ich hatte Dir die vorherige Frage gestellt, um das Gespräch in Richtung Nachhaltigkeit zu lenken. Dass Du mir jetzt mit dieser Antwort quasi einige Grundprinzipien des nachhaltigen Lebens auf dem Servierteller lieferst und darüber hinaus noch ein ökonomisches Anwendungsbeispiel aufzeigst - damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet! Es gibt wirklich keinen green and sustainable marketing master-plan in deiner Schreibtischschublade?
Nein – ich vermute das ist bei mir eher instinktiv und hängt demnach viel mit meiner Erziehung zusammen. Ich kann mich z.B. noch gut erinnern dass meine Mutter mich oft ermahnt hat wenn ich stundenlang das Licht in Zimmern habe brennen lassen obwohl ich mich dort gar nicht aufgehalten habe. Das ist natürlich nur ein winziges Beispiel, summiert auf viele Menschen und deren Angewohnheiten kommt da aber Gewaltiges zusammen.

Als Kind habe ich das nicht wirklich verinnerlicht, aber später sind mir dann doch viele Worte wieder in Erinnerung gekommen. Ich würde behaupten dass die Erziehung dahingehend doch sehr prägend ist, ebenso das Vorleben von Werten, der Respekt vor Menschen, die Wertschätzung der Natur.
Und auch was die Einstellung zum Geld angeht. Was unsere Eltern und auch Großeltern als Vorbildfunktion leben, sind doch recht einschneidende Erfahrungen. Wenn man als Kind bemerkt wie hart es ist sein Geld zu verdienen, besitzt man unter Umständen später auch ein ganz anderes Verhältnis zu Konsum. Man wäägt ab ob man etwas wirklich braucht und philosophisch gesehen kommt man irgendwann auch an einen Punkt an dem man sich nach seinen eigenen Bedürfnissen fragt – was einem letzendlich wichtig im Leben ist, was einen glücklich und zufrieden stellt.
Wie siehst Du die Entwicklung unseres zukünftigen Konsumverhaltens in Hinblick auf Ressourcenverknappung und den daraus resultierenden Problemen?
2008 - Übergang vom Reden zum Handeln?
Manchmal denke ich das Bewusstsein hat sich schon etwas gewandelt, gerade weil man sich heutzutage so vieler Informationsquellen bedienen kann, wie jetzt auch hier im Internet. Im Alltag gibt es Biosupermärkte, Biobauern, fair trade-Produkte, ökologische Landwirtschaft, etc. An anderen Tagen sehe ich das Ganze sehr schwarz und denke dass ich mich dahingehend täusche.
Heutzutage lebt man im Hier & Jetzt. Die meisten Menschen verhalten sich eher passiv statt aktiv. Das liegt wohl unter Anderem daran dass unsere schnellebige Zeit meist gar keinen Freiraum für andere und neue Lebensformen zulässt. Das ist ernüchternd. Weitsicht scheint vielen Einzelpersonen/Konsumenten nicht möglich weil sie befürchten ihre momentane Lebensart nicht ändern zu können – aufgrund finanzieller, zeitbedingter Umstände. Sie besitzen z.B. nicht die finanziellen Mittel/die Sicherheit um die Ernährung für eine ganze Familie umstellen zu können oder gar auf ihr Auto zu verzichten. Anderen mag es unbequem erscheinen Luxusgüter aus ihrem Leben zu streichen.

Ich schließe mich dabezüglich der Wissenslücken nicht aus. Mehr Informationsfluss wäre hier angebracht. Damit erst einmal ein Rahmen für Diskussionen besteht und das Thema zu mehr Aufmerksamkeit gelangt. Verteuerung bei Gütern könnte eine, wenn auch, extreme Möglichkeit sein, Ressourcen zu schonen – so wäre man dann gezwungen seine Lebensart einzuschränken und neu umzulenken.
Denn ich befüchte das Ganze wird sich erst ändern, wenn erste Anzeichen von Knappheit und somit Folgen für unser tägliches Leben erkennbar sind. Weil dem Verbraucher dann letzendlich nichts anderes mehr übrig bleibt, als sich damit auseinanderzusetzen.
Dann legst Du dich ja mit deinem Kleinen Kaufladen quasi ins gemachte Nest, leicht überspitzt gesagt. Glaubst Du, dass Reduktion und Wiederverwertung wirklich umzusetzbare Antworten auf die Fragen von morgen sind?
Zumindest was den Umgang damit bei jedem Einzelnen betrifft. Da behaupte ich kann jede Person etwas dazu beisteuern, wenn die Bereitschaft vorhanden ist. Nur sehe ich das Problem eher darin dass niemand so recht weiß wie oder das Problem gar nicht vor Augen hat. Da müsste erst einmal Abhilfe geschaffen werden. Z.b. über die Wichtigkeit von gesunden Lebensmitteln aufklären, das könnte beim Arzt oder auch schon in der Schule passieren. Somit könnten Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden.
Gesundes Essen muss nicht teuer sein und wer sich bewusst ernährt leistet einen Beitrag dazu gesund bleiben zu können. Im Haushalt lässt sich Energie sparen, doch keiner weiß so recht wo denn genau und welche täglichen Fallen überall lauern, die das Ganze so massiv machen. Seiten, wie z.B. Grünes Klima oder der Nachhaltigkeitsrat, schaffen da Abhilfe. Vieles sind wir selbst in der Lage zu steuern. Aber nur wer aufgeklärt ist, kann auch danach handeln. Und Jeder sollte, meiner Meinung nach, zumindest die Möglichkeit dazu haben.

Letztes Wochenende fand deine erste Verkaufsausstellung statt. Wie lief denn die Eröffnungsparty?
Es waren sehr nette Leute anwesend und vielen hat es gut gefallen. Da es nicht übermäßig, aber angenehm voll war konnte ich mich mit einigen Gästen unterhalten. Es wurden Erinnerungen an früher geweckt und das hat für glasige Augen und Verzücktheit gesorgt. Ich fand es erfreulich zu sehen dass sich auch junge Menschen so für alte Dinge begeistern konnten. Ich habe es als positiv empfunden.
Melanie! Wir wünschen Dir noch viel Erfolg und eine gute Zeit mit deinem Kleinen Kaufladen. Bleib am Ball und vielen Dank für das Interview!
Vielen Dank auch an Euch und gutes Gelingen bei Eurem tollen Projekt!