Interview - Kleiner Kaufladen
Sunday, April 27th, 2008Auf den ersten Blick kann man in dem Kleinen Kaufladen eine Art “Trödel-Privat-Ebay” sehen, auf dem zweiten merkt man schnell dass sich dahinter viel MĂŒhe um Details, Leidenschaft und ein liebevolles HĂ€ndchen verbergen muss, das man bei Power Sellern nicht findet.
Melanie Höhse verkauft nicht nur alten “Plunder”, sondern arbeitet ihn auch wieder auf, rearrangiert und kombiniert ihn mit selbstgemachten, so daĂ auf ganz bezaubernde Weise etwas neues entsteht. Sustainability at its best!

Hallo Melanie!
Worum geht es denn bei deinem Projekt? Wie bist Du auf die Idee gekommen, alte Sachen aufzuarbeiten, teilweise mit neuem, sowie viel selbstgemachtem zu kombinieren und sie anschliessend ĂŒber das Internet zu verkaufen?
Im Grunde fing alles in meiner Kindheit an. Mein Vater besaĂ damals ein AntiquitĂ€tengeschĂ€ft und direkt gegenĂŒber hatte meine Mutter ein kleines PuppengeschĂ€ft in dem sie gröĂtenteils alte Puppen und antike TeddybĂ€ren repariert hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern dass ich als Kind stĂ€ndig einen muffigen Geruch in der Nase hatte, eine Mischung aus Mottenkugeln und altem Holz.
Inmitten dieser alten und mir damals so kostbar erscheinenden SchÀtze gab es immer viel zu entdecken.
Buy Handmade!
Meine Liebe zu alten Dingen habe ich demnach von meinen Eltern. Sie waren schon immer kreativ und gute Verwerter. Ich kann mich nicht daran erinnern dass wir damals anderorts eingekauft hĂ€tten. Durch die Haushaltsauflösungen meines Vaters hatten wir immer alles gleich zu Hause was wir benötigten. Das ist heute auch noch so, vieles in meiner Wohnung sind alte Dinge mit eigenen Erinnerungen â wenn auch materiell nicht wertvoll â und das versuche ich in meinem Shop zu transportieren. Da ich nicht ganz so viele Stunden dafĂŒr aufbringen kann, richtet sich die GröĂe des Sortiments nach meiner freien Zeit. Mittlerweile habe ich bis auf eine Reproduktion von alten Stofftieren die ich gĂŒnstig erworben konnte, nur alte Produkte im Sortiment und als neuwertig gekennzeichnet, wenn die QualitĂ€t dem entspricht.

Vieles der handgearbeiteten Dinge stammt von meiner Mutter. Durch das Internet hatte ich viele DenkanstöĂe, wie z.B. zuletzt durch die “Buyhandmade-Aktion” auf deren Seite genau erklĂ€rt wird warum es eine Bereicherung, nicht nur fĂŒr sich selbst sein kann, mehr handgefertigte Produkte zu erwerben. Mir gefĂ€llt die Idee ganz gut dass man bereits existierendes weiternutzt oder verwertet und damit vielleicht auch etwas bescheidener leben kann â was nicht gleichzeitig bedeutet dass sich die “LebensqualitĂ€t” dadurch vermindert.
WĂŒrdest Du die GrĂŒndung deines Stores eher als Bauchentscheidung bezeichnen oder bist Du an das Projekt im kaufmĂ€nnischen oder im philosphischem Sinne durchdachter herangegangen?
Nein, im kaufmĂ€nnischen Sinne auf keinen Fall! Das Ganze sehe anders aus, wenn der Shop mein Haupterwerb wĂ€re. Dann könnte ich mehr Zeit investieren. Das Sortiment ausbauen. Da dies in dem MaĂe nicht mein Ziel sein kann, besitze ich nicht immer die freie Zeit um ĂŒber Zielgruppen oder werbetechnische Strategien nachzudenken â nicht in dem Umfang in dem es ein Kaufmann tĂ€te.
Philosophisch klingt gut, aber da mĂŒsste ich lĂŒgen. Bauchentscheidung trifft es! ZunĂ€chst war die Idee, geprĂ€gt durch meine Eltern und den bereits vorhandenen Mitteln und dann entwickelten sich eigene Gedanken zur Umsetzung und Verbreitung. Ich versuche auf jeden Fall ein StĂŒck meiner eigenen Lebensweise mit einflieĂen zu lassen und viel zu beobachten. Dazu gehören dann eben auch eigene Vorlieben, Neigungen und die Art und Weise wie man selber konsumiert.
The 5R’s
Ich achte darauf ob ich bestimmte Dinge ĂŒberhaupt unbedingt benötige, bevor ich sie anschaffe. Wenn ich PĂ€ckchen packe schaue ich z.B. danach Material zu nehmen dass ich vorher regelmĂ€Ăig horte, um es wiederzuverwenden. Dazu gehören dann alte Kartons, FĂŒllmaterial, Papier. Momentan organisiere und plane ich eine Verkaufsausstellung mitsamt Eröffnungsparty in einem befreundetem Frisörsalon, dort werden dann auch sehr viele alte Waren zu erwerben sein, die jahrelang in Kartons munter vor sich hergestaubt haben. Auch hier versuche ich mit den gegebenen Mitteln zu arbeiten. Wahrscheinlich weil sich mein eigenes Konsumverhalten in den letzten Jahren selbst gewandelt hat, ist es mir wichtig geworden nicht unnötig zu verschwenden. Ich mache mir mehr Gedanken darum was ich kaufe, wenn ich es kaufe und gegebenfalls auch wo ich es einkaufe.
Jetzt bin ich aber ĂŒberrascht - im positivem Sinne. Ich hatte Dir die vorherige Frage gestellt, um das GesprĂ€ch in Richtung Nachhaltigkeit zu lenken. Dass Du mir jetzt mit dieser Antwort quasi einige Grundprinzipien des nachhaltigen Lebens auf dem Servierteller lieferst und darĂŒber hinaus noch ein ökonomisches Anwendungsbeispiel aufzeigst - damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet! Es gibt wirklich keinen green and sustainable marketing master-plan in deiner Schreibtischschublade?
Nein â ich vermute das ist bei mir eher instinktiv und hĂ€ngt demnach viel mit meiner Erziehung zusammen. Ich kann mich z.B. noch gut erinnern dass meine Mutter mich oft ermahnt hat wenn ich stundenlang das Licht in Zimmern habe brennen lassen obwohl ich mich dort gar nicht aufgehalten habe. Das ist natĂŒrlich nur ein winziges Beispiel, summiert auf viele Menschen und deren Angewohnheiten kommt da aber Gewaltiges zusammen.

Als Kind habe ich das nicht wirklich verinnerlicht, aber spĂ€ter sind mir dann doch viele Worte wieder in Erinnerung gekommen. Ich wĂŒrde behaupten dass die Erziehung dahingehend doch sehr prĂ€gend ist, ebenso das Vorleben von Werten, der Respekt vor Menschen, die WertschĂ€tzung der Natur.
Und auch was die Einstellung zum Geld angeht. Was unsere Eltern und auch GroĂeltern als Vorbildfunktion leben, sind doch recht einschneidende Erfahrungen. Wenn man als Kind bemerkt wie hart es ist sein Geld zu verdienen, besitzt man unter UmstĂ€nden spĂ€ter auch ein ganz anderes VerhĂ€ltnis zu Konsum. Man wÀÀgt ab ob man etwas wirklich braucht und philosophisch gesehen kommt man irgendwann auch an einen Punkt an dem man sich nach seinen eigenen BedĂŒrfnissen fragt â was einem letzendlich wichtig im Leben ist, was einen glĂŒcklich und zufrieden stellt.
Wie siehst Du die Entwicklung unseres zukĂŒnftigen Konsumverhaltens in Hinblick auf Ressourcenverknappung und den daraus resultierenden Problemen?
2008 - Ăbergang vom Reden zum Handeln?
Manchmal denke ich das Bewusstsein hat sich schon etwas gewandelt, gerade weil man sich heutzutage so vieler Informationsquellen bedienen kann, wie jetzt auch hier im Internet. Im Alltag gibt es BiosupermÀrkte, Biobauern, fair trade-Produkte, ökologische Landwirtschaft, etc. An anderen Tagen sehe ich das Ganze sehr schwarz und denke dass ich mich dahingehend tÀusche.
Heutzutage lebt man im Hier & Jetzt. Die meisten Menschen verhalten sich eher passiv statt aktiv. Das liegt wohl unter Anderem daran dass unsere schnellebige Zeit meist gar keinen Freiraum fĂŒr andere und neue Lebensformen zulĂ€sst. Das ist ernĂŒchternd. Weitsicht scheint vielen Einzelpersonen/Konsumenten nicht möglich weil sie befĂŒrchten ihre momentane Lebensart nicht Ă€ndern zu können â aufgrund finanzieller, zeitbedingter UmstĂ€nde. Sie besitzen z.B. nicht die finanziellen Mittel/die Sicherheit um die ErnĂ€hrung fĂŒr eine ganze Familie umstellen zu können oder gar auf ihr Auto zu verzichten. Anderen mag es unbequem erscheinen LuxusgĂŒter aus ihrem Leben zu streichen.

Ich schlieĂe mich dabezĂŒglich der WissenslĂŒcken nicht aus. Mehr Informationsfluss wĂ€re hier angebracht. Damit erst einmal ein Rahmen fĂŒr Diskussionen besteht und das Thema zu mehr Aufmerksamkeit gelangt. Verteuerung bei GĂŒtern könnte eine, wenn auch, extreme Möglichkeit sein, Ressourcen zu schonen â so wĂ€re man dann gezwungen seine Lebensart einzuschrĂ€nken und neu umzulenken.
Denn ich befĂŒchte das Ganze wird sich erst Ă€ndern, wenn erste Anzeichen von Knappheit und somit Folgen fĂŒr unser tĂ€gliches Leben erkennbar sind. Weil dem Verbraucher dann letzendlich nichts anderes mehr ĂŒbrig bleibt, als sich damit auseinanderzusetzen.
Dann legst Du dich ja mit deinem Kleinen Kaufladen quasi ins gemachte Nest, leicht ĂŒberspitzt gesagt. Glaubst Du, dass Reduktion und Wiederverwertung wirklich umzusetzbare Antworten auf die Fragen von morgen sind?
Zumindest was den Umgang damit bei jedem Einzelnen betrifft. Da behaupte ich kann jede Person etwas dazu beisteuern, wenn die Bereitschaft vorhanden ist. Nur sehe ich das Problem eher darin dass niemand so recht weiĂ wie oder das Problem gar nicht vor Augen hat. Da mĂŒsste erst einmal Abhilfe geschaffen werden. Z.b. ĂŒber die Wichtigkeit von gesunden Lebensmitteln aufklĂ€ren, das könnte beim Arzt oder auch schon in der Schule passieren. Somit könnten Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden.
Gesundes Essen muss nicht teuer sein und wer sich bewusst ernĂ€hrt leistet einen Beitrag dazu gesund bleiben zu können. Im Haushalt lĂ€sst sich Energie sparen, doch keiner weiĂ so recht wo denn genau und welche tĂ€glichen Fallen ĂŒberall lauern, die das Ganze so massiv machen. Seiten, wie z.B. GrĂŒnes Klima oder der Nachhaltigkeitsrat, schaffen da Abhilfe. Vieles sind wir selbst in der Lage zu steuern. Aber nur wer aufgeklĂ€rt ist, kann auch danach handeln. Und Jeder sollte, meiner Meinung nach, zumindest die Möglichkeit dazu haben.

Letztes Wochenende fand deine erste Verkaufsausstellung statt. Wie lief denn die Eröffnungsparty?
Es waren sehr nette Leute anwesend und vielen hat es gut gefallen. Da es nicht ĂŒbermĂ€Ăig, aber angenehm voll war konnte ich mich mit einigen GĂ€sten unterhalten. Es wurden Erinnerungen an frĂŒher geweckt und das hat fĂŒr glasige Augen und VerzĂŒcktheit gesorgt. Ich fand es erfreulich zu sehen dass sich auch junge Menschen so fĂŒr alte Dinge begeistern konnten. Ich habe es als positiv empfunden.
Melanie! Wir wĂŒnschen Dir noch viel Erfolg und eine gute Zeit mit deinem Kleinen Kaufladen. Bleib am Ball und vielen Dank fĂŒr das Interview!
Vielen Dank auch an Euch und gutes Gelingen bei Eurem tollen Projekt!
So einige “erfrischende” Ăberschriften und Bebilderungen lassen dieses Instructable zu einer amĂŒsanten LektĂŒre werden.

