Augenscheinlich ein koffeinhaltiges Getränk, sowie ein kommerzielles Produkt. Jedoch steckt hinter der schwarzen Brause ein um Nachhaltigkeit und Fairness bemühtes Kollektiv mit Ideologien, Meinungen und charmant-eigensinniger Sturheit. Premium als Konzept? Wir haben nachgefragt und Uwe Lübbermann, einen Initiator des Projektes zu Wort gebeten.Das Interview entstand Ende Januar / Anfang Februar 2008 und wurde als eMail-Dialog geführt. Viel Spass!

Hallo Uwe!
Danke, dass Du dich zu einem Interview mit Sound Of Sirens bereiterklärt hast. Erzähl’ doch bitte für die Unwissenden unter uns vorweg kurz etwas über Premium Cola! Was ist die Idee, worum geht’s?
tag max … mit “kurz” meinst du eine sms-version? :) premium ist auf den ersten blick nur eine cola ohne logo auf dem etikett, die in
ganz bestimmten läden zu haben ist und die sonst kaum jemand kennt. wer sich die zutaten dann etwas genauer ansieht, findet aber zb “konsequenz” - und wer noch genauer nachguckt findet zb ein blog, in dem premium freiwillig produktionsfehler veröffentlicht, weil hersteller von nahrungsmitteln das tun sollten. die idee hinter premium ist nichts weiter als der praktische versuch, wirtschaft und moral konsequent zu verbinden - so wie es ein haufen enttäuschter konsumenten eben tut, wenn sie durch zufall plötzlich eine eigene marke aufbauen können.
Du deutest mit dem Begriff “Zufall” an, dass die Gründung von Premium Cola zunächst gar nicht geplant war und aus einer Bewegung entstand, die sich damals lediglich gegen das neue, abgemilderterte und massenmarkttauglichere Africolarezept gewehrt hat. Als es dann doch mit der eigenen Cola-Marke losging - haben sich Du und deine Mitstreiter dann zusammengesetzt, um einen Businessplan und eine Satzung oder eine Art Codex auszuarbeiten?
Geschichte, Kraft, Geschmack, Aufrichtigkeit, Konsequenz, Leben.
so ungefähr. gewehrt haben wir uns ja vor allem gegen die unehrlichkeit der neuen afri-besitzer, die das rezept nämlich heimlich verändert hatten. das war nur einer von vielen fehlern, die afri und die normalen unternehmen aus unserer sicht laufend passieren - einen chef haben der pauschal recht hat ist auch so eine sache. wir wollten daraus lernen und natürlich alles besser machen. ohne ahnung von getränken und der branche geht das auf keinen fall, also haben wir alle beteiligten mit ins boot geholt und jeden sonntag abend im pudel klub diskutiert wohin die reise gehen soll. daraus entstand dann unsere kollektive arbeitsweise, alles mit allen beteiligten abzustimmen - und zwar auch mit den kunden.
einen businessplan gab es nicht, weil premium kein business sein sollte; die cola am leben halten und möglichst moralisch sauber steuern, das war der kern. als eine art kodex haben wir damals sechs begriffe definiert: geschichte, kraft, geschmack, aufrichtigkeit, konsequenz, leben. klingt irgendwie gestelzt, hat aber besonders zu anfang gut geholfen - bei vielen streitfragen musste man zb nur eben gucken, was die aufrichtigste oder konsequenteste lösung wäre …
“alles mit allen Beteiligten abzustimmen” - Damit sprichst Du den zentralen Punkt eines sich in der Geschäftswelt immer weiter verbreitenden Themas an: Corporate Social Responsibility (CSR) - nämlich das Einbeziehen der Belange aller Beteiligten, vom Chef, über Zulieferer/Dienstleister, Mitarbeiter, bis zu den Kunden. Bei den meisten Firmen ist CSR jedoch noch lange nicht so tief in die Struktur vorgedrungen und wird häufig nur als unschöner Kostenpunkt betrachtet, wobei sich natürlich gerne zu jeder Gelegenheit damit geschmückt wird.
Wie kommt es, dass der “Zwerg” Premium Cola es schafft, woran so viele “Big Player” scheitern?
oh. gute frage. im affekt würd ich sagen, dass eine kombination aus mehreren faktoren nötig ist um diesen weg weiter zu gehen als andere. geduld ist auf jeden fall ein thema, weil viele diskussionen einfach dauern :) im umkehrschluss heisst das, es darf keinen wachstumsdruck geben - wir lösen das über extrem geringe fixkosten (kein büro) und eine ist-kalkulation: wenn geld reinkommt kann es rausgehen, sonst nicht, also entsteht vorher kein schaden. die beteiligten müssen persönlich so souverän sein, sich in allen fragen auch von laien reinreden zu lassen - denn auch die können eine gute idee einwerfen, und das kommt öfter vor als man erwarten würde.
maximale transparenz ist eine voraussetzung, bei uns können zb alle kunden auch auf das bankkonto gucken - sonst kann sich ja keiner eine fundierte meinung bilden. nicht zuletzt ist etwas masochismus ganz hilfreich, wenn zb auch der anteil des “chefs” von allen beteiligten mitbestimmt wird. dadurch entsteht aber zugleich der gewollte zwang, alle beteiligten fair zu behandeln. stabilisierend ist lustigerweise auch, dass wir keine schriftlichen verträge und keine bindungen haben; so könnte jeder raus der wollte, weshalb man alle wiederum fair behandeln muss …
es kann sein, dass so organisierte kollektive strukturen nur bis zu einer gewissen größe funktionieren. das hängt natürlich von den leuten ab die sie organisieren, und wir loten eben aus wie groß das ganze geht. momentan sind es 145 leute in 54 städten, und mir persönlich scheint der diskussionsaufwand immer geringer zu werden. wenn die basics erstmal definiert sind, ist das ja auch kein wunder. natürlich ist nicht alles gold was glänzt, auch wir haben probleme, aber den big playern kann ich nur sagen: machts, kollektives und moralisches wirtschaften lohnt sich. übrigens auch finanziell, das ist noch ein beweis den premium antreten will, mittlerweile.
reich werden wir wohl nie damit, aber eine stabile struktur mit dauerhaften lieferwegen und lauter zufriedenen leuten lässt sich mit relativ wenig aufwand in betrieb halten. und entscheidungen, bei denen alle beteiligten mitbestimmt haben, sind in der regel sehr stabil -> planbar, tragfähig, kostengünstig. das mal so als anreiz für “normal” denkende unternehmen :)

Nun scheint Euch der Erfolg ja Recht zu geben. Wie Du selbst erwähntest, ist Premium Cola mittlerweile weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt, ihr wirtschaftet im grünen Bereich, namhafte Medien wie z.B. die Brand Eins verfassen mehrseitige Features über euch.
Was passiert, wenn ihr merkt, dass Bekanntheit und Verkaufszahlen “drohen”, den Mainstream zu erreichen? Wie weit kann korrekter Wachstum gehen? Und beissen sich nicht eigentlich Werte wie Stabilität, Vertrauen, Fairness und Sicherheit mit der Idee, keine schriftlichen Verträge aufzusetzen?
ach, was man heutzutage alles erfolg nennt. mit unseren rund 200 tsd flaschen pro jahr sind wir ein tausendstel von bionade, und in 21 unserer 54 städte gibt es nur einen einzigen laden, weswegen wir diese lieferwege oft mit einem anti-mengenrabatt subventionieren müssen. medien mögen uns, das stimmt, obwohl wir bewusst keine pressemeldungen verschicken. sagen wirs mal so: die ideen hinter premium sind viel größer als das produkt, deswegen werden sie interessiert aufgenommen - ich warte ja noch drauf, dass ein big player etwas ähnliches im großen maßstab aufziehen will. wirtschaftlich ist premium im grünen bereich, wir konnten sogar gerade den preis senken, was uns erst ungläubiges gelächter und dann respekt eingebracht hat :)
Korrekter Mainstream
bekanntheit und verkaufszahlen steigen zwar, aber überrollen kann uns das ganze nicht, dafür stehen wir bewusst auf der bremse. es hat zb gerade ein halbes jahr gedauert, bis ein zweiter händler in köln einsteigen konnte, weil wir dem ersten nicht einfach einen mitbewerber vor die nase setzen wollten. gut, das ist ein extremfall, sonst sind wir schneller - aber hetzen lassen wir uns garantiert nicht: lieber langsam und richtig als schnell und verkehrt. zu schnelles wachstum wird schon durch unsere großteils untätigen sprecher = außendienstler verhindert :) was du mit mainstream meinst, wäre zb der einstieg bei budni, der von ihrer ersten anfrage im februar 07 bis jetzt gedauert hat.
das lag unter anderem daran dass wir erst nein gesagt und ich die mail von denen verloren hatte, dann aber vor allem daran dass wirs gut machen wollten: vorhandene händler schützen, nicht abhängig werden und so weiter. budni hat bei allem mitgespielt und geht sogar den spaß mit, einen runden preis von 1 euro anstatt dem üblichen schwellenpreis zu machen. auch deswegen wagen wir den schritt - und sehen das zugleich als chance, mal ein paar andere leute mit unseren ideen von moralischem wirtschaften zu erreichen. ich persönlich glaube, dass größe kein pauschaler fehler ist, auf das wie kommt es an. solange man sich auch weiterhin für das gesamte netzwerk verantwortlich fühlt, ist es nur eine frage der organisation.
schriftliche verträge: ich würde keinen kunden behalten wollen, der nur dabeibleibt weil ein zettel das von ihm verlangt. natürlich gehen die beteiligten verpflichtungen ein, zb liefern und rechnungen bezahlen, aber das geht (zumindest bisher) alles ohne juristisches beiwerk. ist ein vertrag denn immer ein plus an sicherheit? wenn jemand einen will, würden wir einen machen. aber dann reicht im prinzip auch eine mail, oder sogar nur konkludentes handeln, schon ists rechtlich gültig und damit im zweifel einklagbar … aber wer will das schon? ich habe den eindruck, dass die allermeisten leute nach gesundem menschenverstand handeln, erst recht wenn man ihnen nicht mit verträgen auf die nerven geht. und mit den anderen arbeitet man halt nicht zusammen, fertig.

OK. Dann frage ich anders herum. Da ihr ja nichts gegen Wachstum per se habt, so lange ihr euch treu bleibt - was passiert wenn ihr eine gewisse Größe erreicht habt und demzufolge auch mehr Kapital zur Verfügung steht? Gibt es Ideen, sich sozial und/oder ökologisch zu engagieren? Und was passiert bereits heute schon in dieser Richtung?
irgendwie lustig, bei unseren paar flaschen über größe zu diskutieren :) ich persönlich finde es immer bizarr, wenn unternehmen erst maximal auf die tube drücken nach allen regeln der VWL, und dann einen teil ihrer gewinne für soziale deckmäntel ausgeben. warum nicht vorher bewusst den beteiligten mehr als faire anteile zahlen, den preis senken wenn das geht, falls möglich zumindest teilweise die umweltbelastung ausgleichen? letzteres versuchen wir auch seit april, ein cent je flasche wurde zuerst an atmosfair und wird mittlerweile an akowia überwiesen, um das durch unsere transporte verursachte CO2 “auszugleichen”. natürlich geht das nie ganz, lkw machen mehr dreck als CO2, sind laut und gefährlich, aber unternehmen sollten nach kräften für den von ihnen verursachten ärger geradestehen.
je größer premium wird, desto mehr kräfte sind das, dahin geht auf jeden fall die reise. ausbilden würde ich auch gerne, das geht aber erst ab einer gewissen größe. in gewisser weise nehmen wir uns dabei raus, mit dem geld der kunden rumzuhampeln, andererseits haben sie es gerade uns dafür gegeben. und damit weder werbung, vorstandsmillionen oder neuwagen mitfinanziert. geld ist ein gestaltungsmittel, sag ich immer gerne - je mehr davon reinkommt, desto mehr gutes können wir damit machen. inaktive sprecher verzichten zb schon jetzt auf ihren lohn und spenden ihn lieber, was uns zwar dasselbe kostet, aber immerhin ziele wie AWO, K4, radioX, AZ aachen, spontane kinderhilfe und di