‘Peak Oil + Climate Change = Transition Town’

March 20th, 2008

transition handbookDie Transition Town Initiative ist momentan der vielversprechenste Vorschlag, wie Individuen, Gruppen und Kommunen auf Klimawandel und Peak Oil reagieren können. Rob Hopkins ist Begründer der Initiative. Für ihn ist klar, dass Peak Oil und Klimawandel nicht getrennt gesehen werden können, dass nicht ein Phänomen bedrohlicher als das andere ist. (In der bisherigen Politik und Diskussion ist das selten, was oft fatale Schlussfolgerungen zur Folge hat, siehe zum Beispiel den Hirsch Report).

Rob Hopkins’ Lösungsvorschlag ist: ‘Relocalisation’, das heisst die Stärkung der örtlichen Ökonomie und der sozialen Bindungen, und ‘Resilience’, das heisst Systeme anpassungsfähig zu machen. Ein anderer entscheidender Punkt ist, dass eine positive Vision entwickelt wird. Die Motivation kommt also nicht aus der Angst vor der Katastrophe, sondern von dem positiven Bild, wie unsere Zukunft aussehen kann (die zugrunde liegende psychologische These ist, dass wir nur handeln, wenn wir eine Zukunft sehen, für die es sich zu handeln lohnt). Hopkins hat ein klares Design des Übergangsprozesses entwickelt, dem die Permakultur Prinzipien zugrunde liegen. September 2006 launchte er zusammen mit Naresh Giangrande in Totnes die Initiative, der sich inzwischen viele englische Dörfer und Kommunen angeschlossen haben. Auch in Irland, Schottland, Wales, Australien und Neuseeland bilden sich Gruppen.

Die Initiative stellt grosszügig Informationen, ein Netzwerk und die Begleitung des Prozesses zur Verfügung. Bald war dem Team klar, dass die Grundlagen - sowohl Wissen als auch Handwerk - den Leuten und Gruppen, die in die Bewegung einsteigen wollen, vermittelt werden müssen. Sophy Banks and Naresh Giangrande haben ein sehr informatives, praktisches und inspirierendes Training entwickelt, das sie in Totnes und an anderen Orten innerhalb der UK anbieten. Letztes Wochenende haben Lars und ich an so einem Training in Totnes, Devon teilgenommen.

Wir sind 19 Leute. Viele kommen aus Südengland, manche aus Nordengland, einer aus Schottland und die meisten sind schon in der ‘Transition’ ihres Dorfes / Kommune involviert. Zwei junge Frauen aus London wollen Transition Towns auf die Universität übertragen. Auch zwei Amerikaner, aus Portland/Maine, sind extra angereist. Sie sind in einer Permakulturgruppe sehr aktiv und fanden die TT Bewegung so interessant, dass sie ein Training mitmachen und das Wissen in ihrer Kommune weitergeben wollen. Das Alter ist sehr gemischt, alle sind mit der Motivation da, hier Anleitung und Unterstützung zu konkretem Handeln zu bekommen, von Anfang an war der Raum energiegeladen.

Ein Überblick über den Inhalt des Trainings:
Am ersten Tag des Kurses beschäftigen wir uns mit der ‘äusseren Welt’, am zweiten mehr mit der ‘inneren Welt’.
Erster Punkt und auch Grundlage für jede Transition Inititive ist ein umfassendes Veständnis dafür, in welchem Kontext Transition Towns steht: Peak Oil und Klimawandel, und deren mögliche, bzw. unvorhersehbare Folgen. Dann folgen die zugrunde liegenden Prinzipien und ein Überblick über das Transition Towns Model, das aus 12 Schritten besteht: von der Inspiration angefangen, über das Initiieren einer Gruppe, bis hin zum Weg, wie man zu aktiven und effektiven Arbeitskreisen kommt. Auch der Begriff ‘resilience’ (dt: Widerstandsfähigkeit und Elastizität), und dessen zentraler Stellenwert in dem TT Model, werden erklärt. Der Begriff kommt aus der Ökologie und bezeichnet dort ein System, das auf starke äussere Einflüsse flexibel reagieren kann, sich verändert und dabei seine Hauptstrukturen beibehält. Die drei Schlüsselmerkmale von ‘resilience’ sind: Vielfalt, Baukastenprinzip / Modularität und ein kurzer Rückkopplungsweg / schnelles Feedback.
Nach der Mittagspause geht es mit dem Thema ‘Vision’ weiter: Welche Zukunftsvisionen existieren in unserer Gesellschaft? Wie realistisch und hilfreich sind diese? Und eine angeleitete imaginäre Zeitreise, um eigene Visionen zu entwickeln.
Nächster Punkt: Wie schaffe ich/die Gruppe ein Bewusstsein für unsere Situation? Und wie mache ich die Initiative bekannt? Durch ein Brainstorming kommen da eine Menge Ideen zusammen, ergänzt durch Infos von Naresh, wie man effektive Veranstaltungen organisiert, zum Beispiel öffentliche Talks, ‘Open Space’ Tage, etc.. Das wird dann in einer Übung auf die jeweilige eigene Gruppe/Initiative angewandt. Weiter geht es mit Infos darüber, wie man den offiziellen Start der Initiative gestalten und nutzen kann. Dann bleibt noch ein wenig Zeit für Fragen und der erste Tag ist rum…

Am zweiten Tag steht wie gesagt die ‘innere Welt’ im Mittelpunkt, sprich psychologische Aspekte von persönlicher und kultureller Veränderung und Gruppendynamiken. Für das Transition Team ist das ein wichtiger Teil der Bewegung, den jeder einbeziehen sollte, bzw. den man auch gar nicht ignorieren kann. Das Verstehen dieser Prozesse ermöglicht den positiven Umgang damit und in der Folge die Integration.
Sophy Banks geht auf ein psychologisches Modell ein, das Prägung, Funktion und Abwehrmechanismen unser Psyche erklärt. Demnach ist ein Resultat unserer Erziehung und unseres kulturellen Umfeldes die Anpassung unseres Verhaltens an das, was von uns verlangt wird, und die Unterdrückung von daraus entstehenden Schmerz und unseres Potentials. Das wiederum ermöglicht und untermauert unsere gesellschaftliche und ökonomische Struktur, die dann auch wieder entsprechend prägt.

Ihrer Meinung nach kann man diese Muster in allen Gesellschaften finden, die einem ‘Empire’ angehören, also einer Nation, die sich ausweiten will (=Krieg). In einigen indigenen Kulturen sah und sieht die Psyche der Menschen (mit Ausnahmen natürlich) anders aus, um nicht zu sagen: gesund und ungespalten. Spannender Diskussionstoff! Leider zu wenig Zeit.
Sophy Banks stellt ein weiteres Modell vor, das die Stufen von Wandel darstellt (Chris Johnstone). Es kommt aus der Forschung und der Arbeit mit (Drogen-) Abhängigen. Die Paralle, die gezogen wird ist: unsere Ökonomie und wir als Individuen sind von Öl abhängig (unter anderem…).
Nach einer kleinen Pause geht es in den ‘open space‘, eine Organisationsform von Brainstorming und Diskussion. Die offene Fragestellung lautet: ‘How can we contribute to a healthy transition process?’. Mittagspause.
Wir machen mit einer Übung von Joanna Macy weiter. Kurz beschrieben: Wir sitzen uns paarweise gegnenüber. Wir stellen uns vor, dass die Wandlung unserer Gesellschaft hinter uns liegt, und erzählen rückblickend davon. Sophy Banks begleitet uns durch die Übung und stellt uns folgende Fragen: Wie habe ich mich damals (2008) gefühlt? Was hat mich motiviert, zu handeln und dabei zu bleiben? Was war meine Rolle in dem Prozess? Ich merke, welches Potential solche Übungen haben, was sie in einzelnen auslösen und bewirken können.
Insgesamt geht es darum, durch persönliche Arbeit den notwendigen Paradigmenwechsel möglich zu machen.
Naresh Giangrande erzählt uns, wie sich TransitionTown Totnes entwickelt hat, an welchen Punkt die Gruppe jetzt steht, was die aktuellen Themen sind. Sehr inspirierend, informativ und so konkret. Es motiviert, mit seiner eigenen Gruppe weiter zu machen (oder eine zu starten), zeigt Möglichkeiten auf und gibt emotionale Unterstützung: ich bin nicht alleine und es ist machbar, ist sogar schon gemacht worden! Es bleibt noch ein wenig Zeit, um sich seine eigene Gruppe oder sein eigenes Leben anzuschauen, die nächsten Schritte zu finden…
Eine Feedbackrunde und wir sind fertig! Vorherrschende Stimmung: Angeregtheit, Müdigkeit, Tatendrang und Dankbarkeit für die Grosszügigkeit des Transition Teams.

Das Training war vollgepackt mit Informationen, Begegnungen und Erlebnissen. Für einige Themen hätte ich mir mehr Zeit gewünscht. Das Transition Team hat versucht, soviel Raum wie möglich für persönlichen Austausch zu geben, dass wir voneinander lernen und uns vernetzen können. Das hat in dieser Gruppe auch excellent funktioniert. Bei diesem Pool von unterschiedlichen Erfahrungen, Wissen und Charakteren war es für uns alle sehr bereichernd und energetisierend.

Ich unterhielt mich öfter mit den beiden Frauen (ca.23 Jahre) aus London. Sie haben ausser dem TT Universitätsprojekt noch verschiedene andere, z.B. ein Webpotal für die UK, wo man alles zu ’sustainable living’ finden kann: www.ecomotion.org.uk (Launch im Mai). Ich bin beeindruckt, wie sie sich organisieren und professionelle Unterstützung holen, mit welcher Frische und Leichtigkeit sie mit all diesen Themen umgehen. Auch die beiden Amerikaner haben mich angesprochen. Ich empfand sie als sehr bewusst, klar und down-to-earth, hat mir ein weiteres, positiv anderes Bild von der Lage und dem Denken in den USA gegeben.

Ich bin von dem Transition Town Training begeistert. Zum ersten Mal treffe ich auf eine klare Anwendung der Permakultur Prinzipien auf einen sozialen Prozess. Ich empfinde die Transition Towns Initiative und ihre ‘Mitglieder’ als offene, gebende, positive und motivierte Menschen, in der ganzen Sache liegt für mich Sinn und Schönheit.

Mehr Infos findet ihr unter:

Transition Towns
Transitionculture, Blog von Rob Hopkins
The Transition Handbook’, by Rob Hopkins
Energiewende, die deutsche Fassung von Transition Towns
Artikel des Guardian über einen der ersten Transition Towns
Crude Impact‘, Dokumentarfilm über die Auswirkungen von Erdölförderung auf Natur und Gesellschaft
Dynamic Cities Project, Vancouver


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